Psychische Erkrankungen bei jungen Erwachsenen - Jeder 4. hat mindestens eine gesicherte Diagnose in der Krankenakte!

Bei der Beratung von jungen Erwachsenen haben wir immer häufiger mit dem Thema psychische Erkrankungen zu tun. Da beim Abschluss von privater Krankenversicherung, Berufsunfähigkeitsrenten oder Todesfallabsicherungen immer Gesundheitsfragen gestellt werden, kommen wir sehr oft auf dieses sensible Thema zu sprechen. Unsere Kunden fordern vor Abschluss in der Regel Ihre Krankenakte von der Gesetzlichen Krankenkasse an. Hier sind nicht selten psychische Erkrankungen enthalten von denen die Kundin entweder wussten, aber sehr häufig eben auch nicht wussten.

 

Da psychische Erkrankungen für Versicherungen mit Gesundheitsfragen weitreichende Folgen haben können, setzen wir uns mit dem Thema häufig auseinander. Wir zeigen dir in diesem Artikel, dass psychische Diagnosen nicht zwangsweise sorgfältig abgeklärt sind und dennoch in deine Krankenakte gelangen können. Wir wollen dich an diesem Beispiel für einen eigenverantwortlich Umgang mit den eigenen Gesundheitsdaten sensibilisieren. 

ICD DIAGNOSESCHLÜSSEL - Das solltest du wissen

87 Prozent der Deutschen sind gesetzlich krankenversichert. Sie gehen zum Arzt, lassen sich untersuchen und erhalten dann eventuell eine AU Bescheinigung, ein Rezept oder eine Überweisung zu einem Facharzt oder einer Fachärztin. Eine Rechnung zur Begleichung der Kosten erhält der GKV Patient in der Regel nicht. Der Arzt rechnet nämlich direkt mit der Krankenkasse ab. Somit erfährst du als GKV Patient sehr selten, welche Diagnosen und Untersuchungen der Arzt/die Ärztin abgerechnet hat. Nur der ganz clevere gesetzlich Versicherte forscht nach und findet auf seiner AU Bescheinigung oder auf seinem Rezept eine Buchstaben & Zahlenkombination: den ICD Diagnoseschlüssel (Siehe Foto)

 

Wir empfehlen dir diesen Code immer zu entschlüsseln. Dahinter versteckt sich nämlich die Krankheit, die der Arzt in deinem Fall dokumentiert hat. Der ICD-10 Code dient dabei der weltweit einheitlichen Zuordnung von Krankheiten. Im Internet findest du zahlreiche Seiten, die dir die Übersetzung des Diagnoseschlüssels in 10 Sekunden kostenlos möglich machen. Das Internet ist ein gigantisches Lexikon: Nutz es!

Psychische Erkrankungen SIND auf dem Vormarsch

Laut des Barmer Arztreports aus 2018 haben im Jahr 2016 schätzungsweise sieben Millionen junge Erwachsene im Alter von 18 bis 25 Jahren in Deutschland gelebt. Von diesen 7.000.000 jungen Erwachsenen waren etwa 1.900.000 von mindestens einer psychischen Störung betroffen bzw. haben diese in der Krankenakte zu stehen. Das macht einen Anteil von 26 Prozent. Somit hat jeder 4. der 18 bis 25 Jährigen eine Diagnose in dem Bereich. 

 

Welche Diagnosen sind das genau?

Am häufigsten wurden drei Diagnosen gestellt. Die affektive Störung (F30 bis F39) wurde bei 7,7 Prozent der 18 bis 25 Jährigen dokumentiert. Hierbei handelt es sich um eine krankhafte Veränderungen der Stimmung und des Gefühlserlebens der Betroffenen. Die bekannteste und häufigste affektive Störung ist die Depression (F32, F33 und F34.1). Eine somatoforme Störung (F45) findet sich bei 7,1 Prozent der jungen Erwachsenen. Hier bestehen Beschwerden beim Patienten, die nicht körperlich begründbar sind. Die dritthäufigste Diagnose ist die Reaktion auf schwere Belastung - auch als Anpassungsstörung bezeichnet (F43). Etwa 485.000 junge Erwachsene beziehungsweise 6,6 Prozent waren Laut Barmer hiervon betroffen.

 

Werden die Diagnosen behandelt? 

Wir wissen nicht, ob wir damit alleine sind, aber jeder 4.??? Die Zahl ist schon sehr hoch. Wir stellen uns also die Frage, ob alle diese gesicherten Diagnosen auch wirklich behandelt werden oder ob da nicht auch ein paar Verdachtsdiagnosen dabei sind, die aus Versehen als gesichert dokumentiert wurden. Der Arztreport der Barmer liefert uns dazu weitere Informationen. Denn es wird hier auch auf die Behandlungen der Diagnosen am Beispiel der Depressionen (F32, F33 und F34.1) eingegangen. 

Bei 7,59 % der jungen Erwachsenen wurde 2016 eine gesicherte Diagnose Depression dokumentiert (ca. 531.300 Fälle)

1. In wie vielen Fällen wurde die Diagnose durch einen Facharzt oder psychologischen Psychotherapeuten dokumentiert?

 

"Bei nur gut einem Drittel der Betroffenen wurde die Depression durch einen psychologischen Psychotherapeuten oder einen spezialisierten niedergelassenen Facharzt (Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie/-psychotherapie, Nervenheilkunde, Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, psychosomatische Medizin und Psychotherapie, beziehungsweise durch einen psychotherapeutisch tätigen Arzt) dokumentiert."

 

181.300 Fälle

 2. In wie vielen Fällen wurden die Betroffenen mit Antidepressiva behandelt?

"Nur knapp ein Drittel der Betroffenen mit mindestens einer gesicherten ambulanten Diagnose einer Depression erhält im selben Jahr auch eine Antidepressiva-Verordnung." 

 

 

 168.700 Fälle

 

3. In wie vielen Fällen wurden die Betroffenen vollstationär behandelt?

"Im Jahr 2016 wurden aufgrund von Depressionen knapp 0,4 Prozent aller jungen Erwachsenen vollstationär im Krankenhaus behandelt."

 

28.600 Fälle

Von 531.300 Betroffenen mit einer gesicherten DIagnose Depression ist die überwiegende Mehrheit nicht behandelt worden.

Natürlich kann man niemanden zu einer Behandlung zwingen. Daher wird es sicherlich einige Fälle geben, in denen die Patienten die Diagnose Depression kennen und sich dennoch nicht behandeln lassen wollten. Wie viele Betroffene so damit umgehen, wird im Arztreport nicht erwähnt. Auch nicht eingegangen wird auf die Dunkelziffer von Patienten, die nicht wissen, dass ihnen diese Diagnose gestellt wurde und sich daher logischerweise auch nicht behandeln lassen.


EXKURS: abrechnungSkandal bei den Krankenkassen

Spätestens seit zwei Jahren ist klar: Ärzte verschlimmern Diagnosen! Der Vorstand der Techniker Krankenkasse hat das öffentlich zugegeben. "Die Kassen bezahlen zum Beispiel Prämien von zehn Euro je Fall für Ärzte, wenn sie den Patienten auf dem Papier kränker machen", sagte Baas. Manche Kassen würden die Ärzte dazu sogar persönlich besuchen, andere riefen an.

 

Leider wurde das Thema öffentlich nicht lang diskutiert und wenn, dann ging es hauptsächlich um die Verschwenung von Geldern der Krankenkassen. Überhaupt nicht thematisiert wurden die Folgen für die Patienten und hier gibt es Viele. Ist der Patient erstmal kränker gemacht worden, befindet sich die Diagnose in der Akte des Arztes und der Krankenkasse. Das kann schwere Folgen für den Abschluss und/oder die spätere Leistung einer privaten Versicherung haben.  Aber auch Folgen für weitere Behandlungen können eintreten, wenn anstatt beispielsweise einer einmaligen Sinusitis eine chronische attesiert wurde. Hier kann es zu einer falschen Medikation kommen, auch eine eventuelle Folgediagnose könnte dadurch beeinflusst werden.

 

Vor allem aber beim Thema psychische Erkrankungen haben wir in unserer Berufspraxis einige Kunden erlebt, die nach Sichtung Ihrer Krankenakte sehr erstaunt waren. Die Häufigkeit von gesicherten F-Diagnosen (psychische Krankheiten) bei jungen Erwachsenen ist erschreckend. Jeder 4.???

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Hinweis: Wir wollen hier niemandem einen Vorwurf machen - weder den Ärzten, noch den Krankenkassen oder den Patienten und Kunden. Am Ende ist so oder so das System Schuld, dass diese Fehler ermöglicht. Wir wollen lediglich zu mehr Verantwortung bei allen Beteiligen aufrufen.



Im Arztreport wird im weiteren Verlauf beschrieben, dass Depressionen viele Erkrankungen sind, die in ihrem Schweregrad stark voneinander abweichen können. "Hinzu kommt bei den hier betrachteten Diagnosen aus der routinemäßigen Versorgung, dass nicht allen erfassten Diagnosen eine sorgfältige und umfassende Abklärung zugrunde liegen dürfte...".

 

Und hier kommen wir wieder zur Quintessenz unseres Artikels:

Lass dir keine Gesicherte psychische Erkrankung diagnostizieren, wenn diese nicht sorgfältig und umfassend abgeklärt ist.

Das solltest du erst Recht nicht machen, wenn du nur mal eine Krankschreibung für was auch immer brauchst. Solche Diagnosen können dir in Zukunft Probleme bereiten, mit denen du in dem Moment überhaupt nicht rechnest. Solltest du eine F-Diagnose auf deiner AU Bescheinigung sehen, obwohl du nicht wegen psychischer Beschwerden beim Arzt warst, kläre das Missverständnis in jedem Fall mit deinem Arzt ab. Wenn du dir generell unsicher bist, welche Diagnosen bei dir dokumentiert wurden, fordere am besten deine Krankenakte bei der Krankenkasse an und überprüfe die Angaben. Für die Zukunft:

Überprüfe und Dokumentiere die Unterlagen, die du vom Arzt bekommst

Wir empfehlen dir sämtliche Unterlagen zu überprüfen und zu dokumentieren, die du bei Arztbesuchen bekommst. Lass dir Befunde und Berichte aushändigen. Agiere verantwortungsvoll, denn es geht um dein höchstes Gut: Deine Gesundheit. 

Wenn du Fragen zu dem Thema hast, komm gerne auf uns zu.

Wir freuen uns auf deinen Kommentar.

Aylin und Sophie

PS: Wir wollen niemandem der Beteiligten Vorsatz unterstellen. Wir sind alle nur Menschen und nicht unfehlbar. Also geh in jedem Fall  weiterhin zum Arzt und sei nicht zu skeptisch. Betrachte unsere Hinweise daher bitte nur als #Vordenkanstoß: Gib Acht auf dich und deine Dokumente. 

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Kommentare: 5
  • #1

    Lise M. (Samstag, 10 April 2021 13:13)

    Sehr guter Artikel, vielen Dank dafür! Das Thema ist ja nicht nur für den Wechsel in die private Krankenversicherung relevant, sondern auch zum Beispiel für Bewerbungen in den öffentlichen Dienst.
    Habe gerade eigentlich nach Möglichkeiten gegoogelt, psychologische Hilfe zu bekommen, ohne dass das auffällig pathologisch in meiner Krankenakte landet und bin dabei auf euren Artikel gestoßen. Eine Möglichkeit wäre klar, den Psychologen selbst zahlen. Aber für Leute, die sich momentan noch in der Gesetzlichen befinden und den Psychologen nicht selbst zahlen können, müsste es auch Alternativen geben. Habe selbst traumatische Erfahrungen gemacht, und überlege jetzt zum Beispiel nach Geburt meines Kindes eine Mutter Kindkur zu machen, was ja gesellschaftlich recht gängig und akzeptiert ist. Aber vielleicht gibt es noch weitere Alternativen.

  • #2

    Lise M. (Samstag, 10 April 2021 13:17)

    Oh, das fiel mir erst jetzt auf, ist vielleicht nicht ganz eure Zielgruppe. Also das, wonach ich gegoogelt habe. Aber ich überlege selbst zum Beispiel in den öffentlichen Dienst zu wechseln und mich künftig einmal privat zu versichern. Momentan habe ich aber noch nicht die Möglichkeit dazu. Also es gibt vielleicht noch mehr wie mich, die dann doch zu eure Zielgruppe gehören.

  • #3

    Sophie Uteß (Montag, 12 April 2021 10:02)

    Hey Lise, danke für dein Lob und den Hinweis. Du hast absolut Recht. Die Konsequenzen sind natürlich noch weitreichender, als unser Artikel besagt. Wir beschäftigen uns hier “nur“ mit den Folgen für private Versicherungen und die sind schon erheblich. Bei deinem Anliegen können wir dir daher auch nicht wirklich weiterhelfen. Es sei nur gesagt, dass du die Thematik nicht umgehst, weil du einen Psychologen selbst zahlst, Diagnose ist Diagnose bzw. Behandlung ist Behandlung. Jedoch hat die gesundheitliche Vorsorge immer Priorität. Wenn es dir also nicht gut geht, dann ab zum Arzt unabhängig von den beruflichen Konsequenzen.
    Liebe Grüße und vor allem gute Besserung
    Sophie

  • #4

    Fato berfin algin (Donnerstag, 09 September 2021 11:52)

    Was sind das für diagnosen? F.43.1 F.33.2 F.60.31 F.62.0 F.44.9 es wäre sehr hilfreich, wenn ich wüsste, wozu sie stehen, und was sie bedeuten.mein Arzt erklärt mir nicht,s darüber. Und ich wäre gerne etwas schlauer darüber, bevor ich mich in einer therapie begebe. Viele grüsse fato algin

  • #5

    Sophie Uteß (Donnerstag, 09 September 2021 13:44)

    Hallo Fato Berlin algin,

    Schau einfach hier nach den ICD Codes https://www.icd-code.de/ oder such nach dem ICD Code im Internet. Wenn du F43.1 eingibst, wirst du viele Informationen finden.

    PS: Es kommt kein Punkt zwischen dem Buchstaben und der Zahl, also nicht F.43.1, sondern F43.1

    Liebe grüsse
    Sophie